Zukunftsromane – ein Spiegel der Zeit?

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Was uns Geschichten über unsere Haltung der Zukunft gegenüber verraten

Solange es Menschen gibt, lebt in uns die Sehnsucht nach einer besseren Welt, in der die Sorgen und Nöte der Gegenwart überwunden werden und alle Menschen frei und gleich leben können. Schon immer haben hierbei Geschichten (und später deren Verfilmungen) eine große Rolle gespielt. Durch sie können wir Welten betreten, die uns ansonsten verschlossen blieben, und Räume füllen, die den Boden der Gegenwart verlassen und uns trotzdem oder gerade deswegen des Menschlichen in uns besonders Nahe kommen.

Doch Literatur bleibt immer auch an die Zeit gebunden, in der sie erschaffen wurde. Schriftsteller müssen einen Handlungsrahmen schaffen, der für Leserinnen und Leser anschlussfähig ist und nachvollzogen werden kann. Sie müssen sich darüber klar sein, in welcher Art und Weise sie die bewussten und unbewussten Vorstellungen ihrer Zeit verarbeiten wollen. Gerade das ist der Reiz des Schreibens: Normen der Gesellschaft in Frage zu stellen und sie aus neuen Perspektiven in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

Schon immer war es eine besondere Herausforderung, dieses Instrumentarium in eine ferne, fremde Zukunft hinein anzuwenden, soll doch über Künftiges geschrieben werden, welches noch gar nicht in das Bewusstsein der Leserschaft gelangt ist. Die Art und Weise, wie Autoren sich damit auseinander setzen, verrät viel über die Haltung, die die jeweilige Gesellschaft der Zukunft gegenüber einnimmt. Ein Blick zurück auf wichtige Stationen der Geschichte von Zukunftsromanen hilft zu verstehen, welche Sichtweisen wir heutzutage als selbstverständlich betrachten.

Die klassische Form, die viele Jahrhunderte im Vordergrund stand: Die Utopie

Hierzu gehe ich zunächst zurück in das 16. Jahrhundert, in der sich die Rückbesinnung auf die Werte der Antike mit den Entdeckungen der neuen Welt zu einem neuen Ganzen zu verbinden begann. In einer Zeit, in der der christliche Glaube in Europa noch tief verwurzelt war, war es zutiefst bemerkenswert, einem König, dem man diente, nicht alleine als von Gottes Gnaden zu begreifen, sondern zugleich eine Welt an einen fernen Ort zu denken, an dem vieles von dem, was heute in unserer freien Welt verwirklicht ist, schon Realität geworden war.

Thomas Morus ist mit seinem im Jahr 1516 erschienen Buch „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ („Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia“) als Erster diesen Weg gegangen. Er beschreibt eine ideale Gesellschaft, deren Realisierung für die Zukunft als denkbar möglich vorgestellt wird. Eine Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen basierend auf rationalen Entscheidungen, Gleichheitsgrundsätzen, Arbeitsamkeit und dem Streben nach Bildung.

Thomas Morus hat mit der Veröffentlichung seines Buches viel Mut bewiesen und damit die Hoffnung gefördert, nicht bloß an eine bessere Zukunft glauben, sondern sie auch in die Realität bringen zu können. Schon bald schlossen sich weitere Autoren seinem Vorbild an, wie z.B. Tommaso Campanella (1623: La città del Sole), Francis Bacon (1627: Nova Atlantis), H. G. Wells (1905: A Modern Utopia), Aldous Huxley (1962: Island) und Ernest Callenbach (1975: Ecotopia).

Der Erfolg seines Buches war so prägend, dass seitdem Romane, die eine positive Zukunft darstellen, als utopische Romane oder Utopien bezeichnet werden.

Die Antwort auf die Industrialisierung: Science-Fiction

Mit der schrittweisen Verwirklichung der von Thomas Morus beschrieben Ideale in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika und der Französischen Revolution änderte sich auch das Bild von der Zukunft. Immer mehr trat der technische Fortschritt in den Vordergrund, sowohl in Form von neuen Möglichkeiten, sich die Welt zu erschließen, als auch mit einem kritischen Blick auf die Folgen, die die Industrialisierung für Mensch und Natur hatte.

Der Begriff Science-Fiction wurde erstmals von dem britischen Dichter und Essayisten William Wilson (ca. 1826–1886) in seinem Buch „A little earnest book upon a great old subject“ verwendet und etablierte sich dann im Laufe der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts als eine eigene Literaturgattung. Technikbegeisterte Autoren wie Jules Verne und H.G. Wells erweiterten die Reise- und Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts um Science-Fiction-Komponenten und beeinflussten damit auch die ersten Science-Fiction-Filme maßgeblich. Schon früh hatten Filmpioniere technische Abläufe und ihre Anfälligkeiten ins Zentrum ihrer Filme gestellt, so etwa Louis Lumière und Ferdinand Zecca. Georges Méliès, der sich bereits 1897 mit Les Rayons Röntgen an die Thematik herangetastet hatte, schuf dann 1902 den von Jules Verne inspirierten Film „Die Reise zum Mond“, der weltweit für Furore sorgte. Doch mit der Zeit entstanden auch zahlreiche Werke, die sich kritisch mit den Auswirkungen der Technik auf die Gesellschaft auseinandersetzen, wie z.B. der deutsche Film „Metropolis“ von Fritz Lang.

Als Gegenentwurf zur Technisierung entwickelte sich parallel zum Science-Fiction im 19. Jahrhundert auch die Fantasy, welche als Rückbesinnung auf die vorindustrielle, durch Landwirtschaft geprägte Zeit ihre Wurzeln in Mythologien, Sagen und Märchen hat.

In der Gegenüberstellung von Science-Fiction und Fantasy wird die Zerrissenheit der damaligen Zeit sehr deutlich: Hier die Hoffnung auf eine aufgrund des technischen Fortschrittes besseren Welt, dann aber auch die Angst vor dem Unmenschlichen, das dadurch geschaffen wird.

Während der Science-Fiction die Verantwortung des Menschen an seinen Lebensverhältnissen betont, verklärt Fantasy die vorindustriellen, feudalen Machtstrukturen und lässt am Ende in der Regel das Gute über das Böse siegen. Schon früh prägte sich deswegen bei der Fantasy der Vorwurf des Eskapismus, der blinden Flucht vor den Realitäten des Alltags.

Bei beiden Genre bleibt der Blick auf die Zukunft jedoch im Verhältnis zu klassischen Utopien merkwürdig statisch: So wie es war, so wird es auch bleiben.

Die Auseinandersetzung mit Fehlentwicklungen: Dystopien und Endzeitdramen

Die Kritik an einer fehlgeleiteten Wissenschaft, vor allem aber die katastrophalen Folgen von zwei Weltkriegen und verschiedener totalitärer Staatsmodelle führten zu der Feststellung, dass diese Fehlentwicklungen so deutlich zu benennen sind, dass sie niemals mehr Wirklichkeit werden können.

Bekanntestes Werk ist der im Jahr 1949 erschienene Roman „1984“ von George Orwell, in dem ein totalitärer Überwachungsstaat dargestellt wird. Hauptperson der Handlung ist Winston Smith, ein einfaches Mitglied der diktatorisch herrschenden, fiktiven Staatspartei Sozialistische Partei Englands, auf die sich die herrschende politische Ideologie Engsoz (Englischer Sozialismus, original Ingsoc) stützt. Der allgegenwärtigen Überwachung zum Trotz will Smith seine Privatsphäre sichern und etwas über die real geschehene Vergangenheit erfahren, die von der Partei durch umfangreiche Geschichtsfälschung verheimlicht wird. Dadurch gerät er mit dem System in Konflikt, das ihn gefangen nimmt, foltert und einer Gehirnwäsche unterzieht.

Dystopien haben viel dazu beigetragen, die sich aus totalitären Staaten ergebenden Gefahren ernst zu nehmen und sich ihnen immer wieder neu entgegenzustellen. Sie sind ein wichtiges Korrektiv von der Freiheit und Würde des Menschen verpflichteter Staaten gegenüber dem Rest der Welt.

Neben den Dystopien entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten aus den zunehmenden Bedrohungslagen für die Menschheit das Genre der Endzeitdramen. Neben der weltumspannenden Katastrophe (z.B. atomare Katastrophen, Naturkatastrophen oder Pandemien) sind insbesondere auch Zivilisationsprobleme (z.B. in Folge von Weltkriegen) oder gesellschaftliche Entwicklungen ein wiederkehrendes Motiv. In gleicher Weise wie Dystopien haben auch Endzeitdramen in starker Weise für Gefahren dieser Welt sensibilisiert und zum Handeln aktiviert.

Trotz aller Wirkungskraft haben sowohl Dystopien als auch Endzeitdramen mit der ihn eigenen Unausweichlichkeit der Entwicklungen häufig auch etwas Resignatives: Jeder Aufstand ist zwecklos, dass was kommen wird, wird passieren.

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte

Genauso wie sich das gegenseitige Wissen und Verständnis in der Welt immer enger miteinander verflechtet, hat auch die Vielfalt und Vernetzung der unterschiedlichen Themen bei Zukunftsromanen immer weiter zugenommen. Das, was einmal erdacht wurde, verschwindet nicht mehr. Waren die Grenzen zwischen den Stilrichtungen in der Vergangenheit immer schon fließend, so öffnen sie sich jetzt immer weiter und vermengen sich zu immer neuen Ausrichtungen.

In den fünfziger Jahren sind es zunächst die Superhelden, die vor dem Hintergrund der einsetzenden atomaren Bedrohung in einer Mischung aus Science-Fiction, Horror und Fantasy die Gedanken vieler Menschen beeinflussen. Ausgestattet mit besonderen Kräften und Eigenschaften, sind wenige ausgewählte Menschen als Superhelden in der Lage, gegen das Böse anzutreten und die Welt zu retten.

Mit dem Wettstreit zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten um die erste Landung auf dem Mond kommt in den sechziger Jahren der Science-Fiction wieder stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Doch auch die weiterhin latente Atomkriegsgefahr (z.B. „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“) und eine fehlgeleitete Wissenschaft („Die phantastische

Reise“ und „2001: Odyssee im Weltraum“) bleiben weiterhin aktuell.

In den siebziger Jahren erobern Science-Fiction-Fernsehserien wie „Raumschiff Enterprise“ den Fernsehmarkt. Daneben ist im Kinobereich eine immer größere Vielfalt unterschiedlicher Ausrichtungen festzustellen: „Uhrwerk Orange“ ist eine schockierende Dystopie um Vergewaltigung und Brutalität, „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ zeichnet die Arbeit von Wissenschaftlern nach, und bei „Solaris“ steht die Psychologie des Menschen im Zentrum. „Lautlos im Weltraum“ und „Soylent Green“ thematisierten die fortschreitende Umweltzerstörung.

Mit der ersten Episode von „Krieg der Sterne“ im Jahr 1977 ändert sich dies. Die Mischung aus Märchen und Science-Fiction erobert in kurzer Zeit den Massenmarkt.

In den achtziger Jahren werden zunehmend Filme produziert, die zumeist auf der Erde der Zukunft spielten. Hierzu zählen u.a. „Superman“, „Terminator“ sowie „Zurück in die Zukunft“. Daneben kommen Filme auf den Markt, die sich mehr an ein erwachsenes Publikum richten, so z.B. „The Day After – Der Tag danach“, „Briefe eines Toten“, „Threads“, „Die Klapperschlange“ sowie der Zeichentrickfilm „Wenn der Wind weht“. Häufiges Thema ist der fiktive dritte Weltkrieg oder eine post-apokalyptische Welt. Auch die Dystopie „Brazil“ ist hier zu nennen.

In den neunziger Jahren kommen zunehmend Blockbuster-Filme ins Kino, die durch neue technische Möglichkeiten geprägt werden. Bildgewaltige Filme wie „Independence Day“, „Armageddon – Das jüngste Gericht“, „Mars Attacks!“ oder „Men in Black“ stellen klassische Motive der Science-Fiction in neuem Gewand dar und parodieren diese zum Teil. Hierdurch wird der bereits in den siebziger Jahren ausgelöste Trend zu Science-Fiction-Filmen für die ganze Familie weiter verstärkt.

Die hohe Verbreitung von Computern und die zunehmende Digitalisierung trägt mit dazu bei, dass sich die Darstellung und Erklärungen der Science-Fiction-Elemente immer stärker an reale Vorbilder anpasst. Beispielsweise nutzt der Film „Jurassic Park“ wissenschaftlich nachvollziehbare Herleitungen zur Existenz von lebenden Dinosauriern. „Ghost in the Shell“ und „Matrix“ zeigen eine Darstellungsweise von künstlicher Intelligenz mit hohem Bezug zu einer computerisierten Realität. Weiterhin sind auch Neuverfilmungen klassischer Science-Fiction-Literatur bedeutender Autoren zu nennen. Hier zählen u.a. „Total Recall – Die Totale Erinnerung“ und „Starship Troopers“.

Seit den 2000er-Jahren sind die Bedrohung durch das Unbekannte (z.B. in „Krieg der Welten“, „Arrival“, „Edge of Tomorrow“, „Avatar“ und „District 9“) und die Auseinandersetzung mit Robotern und künstlicher Intelligenz (z.B. „Inception“, „Her“, „Ex Machina“, „A.I. – Künstliche Intelligenz“, „Minority Report“ und „I, Robot“) beliebte Themen bei Science-Fiction-Filmen. Auch die Reise zu anderen Sternen und Planeten und die Auswirkungen auf den Menschen (z.B. „Interstellar“, „Der Marsianer“ und „Moon“) sowie Action-Filme bleiben weiter aktuell (z.B. „Mad Max“ und „Blade Runner 2049“). Dystopische Gesellschaften werden u.a. in „Die Tribute von Panem“ nachgezeichnet, Endzeitdramen in „28 Days Later“, „I Am Legend“ sowie „2012 – Das Ende der Welt“. Daneben gibt es auch Filme, die die Vielfalt als Ganzes darstellen, wie z.B. „Cloud Atlas – Alles ist verbunden“.

Die Welt von Morgen

Betrachtet man die Produktionen der letzten Jahrzehnte, so wird deutlich, dass sich heutzutage jede Festlegung auf einen Mainstream von vornherein verbietet. Der Vielfalt der sich verbindenden Sichtweisen führt zu einer ebensolchen Vielfalt der filmischen Antworten. Neben der Besiedlung des Weltalls spielen auch Dystopien in den letzten Jahren wieder eine stärkere Rolle. Daneben hat sich die Fantasy (u.a. Harry Potter, Herr der Ringe) zu einem dominierenden Markt entwickelt. Einzig das Themenfeld der Utopie, der zentrale Ausgangspunkt unserer Reise durch die Geschichte der Zukunftserzählungen, scheint weiterhin wenig Platz in aktuellen Romanen und Filmen zu haben.

Doch die Ablenkungen einer Unterhaltungsindustrie alleine wird uns nicht helfen, eine positive Auseinandersetzung mit einer besseren Zukunft zu erreichen. Gemeint ist hierbei nicht eine verklärende Sicht auf Zukunft, die die Realitäten der heutigen Zeit außer Acht lässt, sondern eine ernsthafte Sicht, die gleichwohl trotzdem die Tür öffnet in eine bessere Welt mit Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Wir brauchen den Versuch und das stete Bemühen um das Gemeinsame, das Verbindende, um von da ab tatsächlich für alle in eine bessere Zukunft blicken zu können.

Fazit

Die Betrachtung der Vergangenheit zeigt auf, wie stark die Perspektive auf die Zukunft von Grundannahmen geprägt wird, die in der jeweiligen Zeitepoche allgemein anerkannt waren. Bezogen auf die Jetztzeit sind dies die Auseinandersetzung mit der Technik, dem Unbekanntem und der Sorge, dass wir nunmehr in eine dystopische, endzeitorientierte Welt abgleiten könnten.

Kunst und Literatur können helfen, Bilder zu Fragestellungen zu entwickeln, denen wir uns alleine mit einem technischen Verständnis nicht annähern können. Sie bleiben fiktional, doch sie öffnen den Raum, auch das Unmögliche zu denken. Denn wir brauchen Bilder, die uns von den Fesseln aktueller Denkweisen befreien und tatsächlich in eine bessere Zukunft tragen. Lassen Sie uns gemeinsam in diese Zukunft gehen.

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Christian Buske
Christian Buske

Ich lebe und arbeite in Schleswig-Holstein. Die täglichen negativen Schlagzeilen im Weltgeschehen und die literarische Umsetzung in Endzeitdramen und Dystopien veranlassten mich, einen Gegenentwurf zu entwickeln. Wie kann eine Welt aussehen, in der die grundlegenden Probleme der Menschheit wie Krieg, Hunger und Umweltzerstörung gelöst und ihr dauerhaftes Überleben auf der Erde gesichert wäre?

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